Istanbul

Ein Blog von Frank Heuel

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Abbruch und Aufbruch

In meiner unmittelbarer Nachbarschaft ist ein Haus abgerissen und der Baggerfahrer hat netterweise diese Wand stehen lassen.

Abbruch

Und gebaggert wird zur Zeit überall und besonders gerne nachts! Die Istiklalstrasse wird dann schon mal zum Geröllfeld.

 

Geröllfelder

 

 

Start ins Projekt

Gestern haben die Proben zu meinem ersten Projekt in Istanbul begonnen. Mit der Gruppe D22 erarbeiten wir einen Theaterabend unter dem Titel SEE THE WORLD THROUGH MY EYES. Wie ich schon früher hier geschrieben habe, musste D22 ihr eigenes Theater schließen im Sommer. Jetzt haben sie in Kadiköy (asiatischer teil Istanbuls) ein altes Holzhaus gemietet, in welchem wir nun arbeiten und dann auch aufführen werden. Premiere ist für den 01. Oktober geplant. Vor dem Haus steht Emir, einer der Schauspieler und Begründer der Gruppe D22.

.D22_theater

Teil 2

Nach einigem Überlegen und einem Austausch mit meinen Partnern in Istanbul habe ich mich nun entschieden, am 05. September den zweiten Teil meines Stipendiums anzutreten. Es geht direkt los mit den Proben am Theater D22. Ich werde von der Situation auf den Strassen und Plätzen als auch von der Arbeit berichten.

Wieder da

Nach zwei Monaten bin ich für rund 14 Tage noch mal in Istanbul. Ich treffe mich mit meinen Projektpartnern, um alles für den Herbst in die Wege zu leiten. Das geht leider nur mühsam voran. Zwei von den drei Spielstätten, in welchen wir aufführen wollten, haben ihren Spielbetrieb eingestellt. Trotzdem werden wir die Projekte realisieren; wir suchen nun gemeinsam nach anderen Lösungen.

Ansonsten ist hier so etwas wie Alltag eingekehrt – die Bombenanschläge scheinen vergessen zu sein und alles bereitet sich auf den 31.Mai vor. Da jähren sich die Gezi-Proteste zum dritten Mal und man rechnet mit großen Demonstrationen und einem riesigen Polizeiaufgebot in ganz Istanbul.

Resümee 1

Der erste Block meines Istanbul-Stipendiums neigt sich seinem Ende zu. Am Donnerstag, also übermorgen, reise ich nach insgesamt drei Monaten, in welchen ich immer auch wieder kurz zuhause war, zurück. Jetzt im Moment steht die Zeit stark unter dem Eindruck des Attentats am vergangenen Samstag hier in unmittelbarer Nähe zu meiner Residenz. Ich selber war gar nicht zugegen; die bedrückende und bedrückte Atmosphäre hier im Viertel aber – die Kneipen und Cafès sind leer, keine Musik, wenig Menschen unterwegs – zeigt Wirkung. Und zwei meiner Mitstipendiaten haben vorerst die Segel gestrichen. Jemand aus persönlichen Gründen und ein Zweiter weil er alles genau mit bekommen hat. Das ist vor allem und zuerst für die beiden sehr schade, brechen sie doch gerade hier begonnene Arbeiten ab. Und es ist ein weiterer kleiner Sieg der Terroristen. Jeder der hier die Segel streicht und Istanbul verlässt, ist ein Erfolg im Kampf der Kräfte, die einen Gottesstaat errichten wollen.

Für mich stellt sich die Frage anders; ich bin nicht traumatisiert (ich hatte das Glück, nicht vor Ort gewesen zu sein) und meine weitere Arbeit (im zweiten Block im Herbst) hier, lässt mich zumindest zurzeit nicht daran zweifeln, weiter zu machen. Ich plane insgesamt 4 kleinere Projekte, in denen ich mit unterschiedlichen Partnern und Künstlern hier vor Ort zusammenarbeite. Für diese stellt sich vielmehr als der Terror die alltägliche Unterdrückung der freien Meinungsäußerung und die perfiden Maßnahmen gegen eine Kunst, die sich frei entfalten möchte als das zentrale Problem dar. Die Frage für viele ist hier: Mache ich weiter oder gehe ich ins Exil. Und da sind Kontakte nach außen so wie alle Möglichkeiten, vor Ort arbeiten zu können immens wichtig. Ich habe in Gesprächen in den letzten Tagen mit den Theaterleuten, immer wieder versichert bekommen, dass sie hoffen, dass wir die angedachten Projekte im Herbst machen können.

Ich bin okay!

Ich bin gerade in Deutschland und will morgen wieder zurückreisen. Die Bombe ist 80 m von unserem Haus hochgegangen. Ich bekomme gerade ständig mails, Anrufe und Nachrichten von meinen Bekannten und Freunden da und zum Glück mit dem Inhalt: „Ich bin okay!“

Alle stehen unter Schock – niemand hat es für möglich gehalten, dass dort eine Bombe hochgeht.

 

Terror

Die Türkei versinkt in der Gewalt. Ein Anschlag auf der Istiklal Strasse ist unglaublich brutal. Es sind dort ständig Hunderttausende unterwegs.

Das Meer steckt voller Überraschungen

 

Delfine_Istanbul

Vor Tagen habe ich tatsächlich eine große Gruppe an Delphinen in der Nähe des Goldenen Horn gesehen – zählen kannst du die nicht, es waren aber richtig viele wunderschöne Tiere.

 

Ausblick_IM

 

 

Und dann sitze ich heute im Cafe des Istanbul Modern und staune mal wieder über die ungeheure Schönheit dieser Stadt

 

 

 

 

 

und entdecke getarnt im grauen Look direkt unterhalb des Topkapi Palastes doch tatsächlich ein ukrainisches Kriegsschiff liegen. Was tut das da? Die Besatzung wird bestimmt keinen Ausflug zur Hagia Sophia unternommen haben.

Kriegsschiff_Ukraine2

 

 

Mann o Mann

Erst schiesst am 08. März am Weltfrauentag bei einer absolut friedlichen Demonstration der Frauen hier auf der Istiklal* Caddessi aus dem Nichts heraus die Polizei  mit Gummigeschossen auf die Frauen und am nächsten Tag äussert sich die Frau vom Chef hier mit den Worten:  „Der Harem war eine Schule für Mitglieder der osmanischen Dynastie und eine Lehreinrichtung in der Frauen auf das Leben vorbereitet wurden“ (Das  sagte die Frau von Präsident Recep Tayyip Erdogan nach Angaben von Fernsehsendern am Mittwoch in Ankara). Und leider ist anzunehmen, dass da System hinter steckt!

*Istiklal heisst übrigens Strasse der Unabhängigkeit

ZAMAN

Gestern war an verschiedenen Stellen in der Stadt wieder viel Polizei mit Wasserwerfern und voller Besatzung und Bewaffnung unterwegs. Erstaunlich wie selbst ich nach jetzt 8 Wochen an dieses Bild gewohnt bin und ähnlich wie die meisten Menschen eiligen Schrittes daran vorbei gehe. Der Grund ist in der Besetzung der Redaktionsgebäude der oppositionellen Zeitung „ZAMAN“ zu finden. Siehe dazu auch die Meldung in der Süddeutschen von heute. Erstaunt bin ich weniger über die Tatsache als vielmehr über die Art und Weise – völlig offen und unversteckt gegenüber einer sich hier und weltweit empörenden Öffentlichkeit.

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