Nach der kurzen intensiven Begegnung mit der staatlichen Gewalt letzte Woche und ein paar Tagen im beschaulichen Rheinland bin ich seit Montag zurück in Istanbul. Bei 1 Grad plus und Schneetreiben in Köln gestartet und bei 20 Grad im Frühling hier gelandet, habe ich den Winter 15/16 nun für mich abgeschlossen. Ich habe einen Tag gebraucht, um mich hier in dieser Stadt der großen Gegensätze wieder einzufinden.

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Gestern habe ich eine Vorstellung im sermola performans (dem einzigen kurdischen Theater Istanbuls (s.u.)) gesehen. Das Stück „In the toilet“ , basierend auf realen Ereignissen, erzählt von einem jungen Mann, der den freien Lebenswandel seiner Schwester nicht erträgt and gleichzeitig seine eigene Sexualität ständig unterdrückt und sie nur zwanghaft erleben kann. Am Ende sind beide tot. Ein heftiger Stoff, von einem Schauspieler als Solo sehr beeindruckend gespielt und hart an der Realität.

Das Theater liegt nahe an der Tarlabaşi Bulvarı, eine große 6-spurige Strasse, die das Viertel rechts der Istiklal Caddesi von dem Stadtteil Tarlabaşi trennt. Und hier begegnet einem dann die Realität ähnlich schonungslos. Entlang des Tarlabaşi Bulvarı findet man abends keine Touristen mehr und das „bunte“ Treiben auf der Istiklal ist schlagartig dunkel und Männer dominiert. Die wenigen Prostituierten dort sind fast ausschließlich Transvestiten, allesamt illegal.

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Tarlabaşi selbst ist ein Viertel, welches mit großem Aufwand seit Jahren gentrifiziert wird. In den noch nicht renovierten und abgerissenen Straßen leben noch all diejenigen, die in Istanbul sonst niemand haben will: Afrikanische und asiatische Flüchtlinge, Transsexuelle und kurdische Underdogs. Die Vertreibung dieser Gruppen ist in vollem Gange, das Abrissprojekt  nennt man Tarlabaşi yenileniyor („Tarlabaşi wird erneuert“).  Für dieses Projekt wird auf großen Transparenten, hinter denen sich all das abspielt, geworben.

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Dazu folgende Meldung aus genau dem Stadtteil.