Istanbul

Ein Blog von Frank Heuel

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Wieder da

Nach zwei Monaten bin ich für rund 14 Tage noch mal in Istanbul. Ich treffe mich mit meinen Projektpartnern, um alles für den Herbst in die Wege zu leiten. Das geht leider nur mühsam voran. Zwei von den drei Spielstätten, in welchen wir aufführen wollten, haben ihren Spielbetrieb eingestellt. Trotzdem werden wir die Projekte realisieren; wir suchen nun gemeinsam nach anderen Lösungen.

Ansonsten ist hier so etwas wie Alltag eingekehrt – die Bombenanschläge scheinen vergessen zu sein und alles bereitet sich auf den 31.Mai vor. Da jähren sich die Gezi-Proteste zum dritten Mal und man rechnet mit großen Demonstrationen und einem riesigen Polizeiaufgebot in ganz Istanbul.

Resümee 1

Der erste Block meines Istanbul-Stipendiums neigt sich seinem Ende zu. Am Donnerstag, also übermorgen, reise ich nach insgesamt drei Monaten, in welchen ich immer auch wieder kurz zuhause war, zurück. Jetzt im Moment steht die Zeit stark unter dem Eindruck des Attentats am vergangenen Samstag hier in unmittelbarer Nähe zu meiner Residenz. Ich selber war gar nicht zugegen; die bedrückende und bedrückte Atmosphäre hier im Viertel aber – die Kneipen und Cafès sind leer, keine Musik, wenig Menschen unterwegs – zeigt Wirkung. Und zwei meiner Mitstipendiaten haben vorerst die Segel gestrichen. Jemand aus persönlichen Gründen und ein Zweiter weil er alles genau mit bekommen hat. Das ist vor allem und zuerst für die beiden sehr schade, brechen sie doch gerade hier begonnene Arbeiten ab. Und es ist ein weiterer kleiner Sieg der Terroristen. Jeder der hier die Segel streicht und Istanbul verlässt, ist ein Erfolg im Kampf der Kräfte, die einen Gottesstaat errichten wollen.

Für mich stellt sich die Frage anders; ich bin nicht traumatisiert (ich hatte das Glück, nicht vor Ort gewesen zu sein) und meine weitere Arbeit (im zweiten Block im Herbst) hier, lässt mich zumindest zurzeit nicht daran zweifeln, weiter zu machen. Ich plane insgesamt 4 kleinere Projekte, in denen ich mit unterschiedlichen Partnern und Künstlern hier vor Ort zusammenarbeite. Für diese stellt sich vielmehr als der Terror die alltägliche Unterdrückung der freien Meinungsäußerung und die perfiden Maßnahmen gegen eine Kunst, die sich frei entfalten möchte als das zentrale Problem dar. Die Frage für viele ist hier: Mache ich weiter oder gehe ich ins Exil. Und da sind Kontakte nach außen so wie alle Möglichkeiten, vor Ort arbeiten zu können immens wichtig. Ich habe in Gesprächen in den letzten Tagen mit den Theaterleuten, immer wieder versichert bekommen, dass sie hoffen, dass wir die angedachten Projekte im Herbst machen können.

Ich bin okay!

Ich bin gerade in Deutschland und will morgen wieder zurückreisen. Die Bombe ist 80 m von unserem Haus hochgegangen. Ich bekomme gerade ständig mails, Anrufe und Nachrichten von meinen Bekannten und Freunden da und zum Glück mit dem Inhalt: „Ich bin okay!“

Alle stehen unter Schock – niemand hat es für möglich gehalten, dass dort eine Bombe hochgeht.

 

Terror

Die Türkei versinkt in der Gewalt. Ein Anschlag auf der Istiklal Strasse ist unglaublich brutal. Es sind dort ständig Hunderttausende unterwegs.

Das Meer steckt voller Überraschungen

 

Delfine_Istanbul

Vor Tagen habe ich tatsächlich eine große Gruppe an Delphinen in der Nähe des Goldenen Horn gesehen – zählen kannst du die nicht, es waren aber richtig viele wunderschöne Tiere.

 

Ausblick_IM

 

 

Und dann sitze ich heute im Cafe des Istanbul Modern und staune mal wieder über die ungeheure Schönheit dieser Stadt

 

 

 

 

 

und entdecke getarnt im grauen Look direkt unterhalb des Topkapi Palastes doch tatsächlich ein ukrainisches Kriegsschiff liegen. Was tut das da? Die Besatzung wird bestimmt keinen Ausflug zur Hagia Sophia unternommen haben.

Kriegsschiff_Ukraine2

 

 

Mann o Mann

Erst schiesst am 08. März am Weltfrauentag bei einer absolut friedlichen Demonstration der Frauen hier auf der Istiklal* Caddessi aus dem Nichts heraus die Polizei  mit Gummigeschossen auf die Frauen und am nächsten Tag äussert sich die Frau vom Chef hier mit den Worten:  „Der Harem war eine Schule für Mitglieder der osmanischen Dynastie und eine Lehreinrichtung in der Frauen auf das Leben vorbereitet wurden“ (Das  sagte die Frau von Präsident Recep Tayyip Erdogan nach Angaben von Fernsehsendern am Mittwoch in Ankara). Und leider ist anzunehmen, dass da System hinter steckt!

*Istiklal heisst übrigens Strasse der Unabhängigkeit

ZAMAN

Gestern war an verschiedenen Stellen in der Stadt wieder viel Polizei mit Wasserwerfern und voller Besatzung und Bewaffnung unterwegs. Erstaunlich wie selbst ich nach jetzt 8 Wochen an dieses Bild gewohnt bin und ähnlich wie die meisten Menschen eiligen Schrittes daran vorbei gehe. Der Grund ist in der Besetzung der Redaktionsgebäude der oppositionellen Zeitung „ZAMAN“ zu finden. Siehe dazu auch die Meldung in der Süddeutschen von heute. Erstaunt bin ich weniger über die Tatsache als vielmehr über die Art und Weise – völlig offen und unversteckt gegenüber einer sich hier und weltweit empörenden Öffentlichkeit.

Pothane

Istanbul ist in große Stadtteile und die wiederum in Viertel aufgeteilt. Beyoğlu ist der modernste und vielfältigste Stadtteil mit der Prachtstrasse Istiklal und ihren großen Jugendstilpalästen von der viele kleine Seitenstrassen in die Viertel abgehen, die sich in ihrer Atmosphäre, den Läden, Bars und Cafés deutlich voneinander unterscheiden. Ich wohne im Viertel Galatasaray

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mit Übergang nach Çukurcuma. Hier eine Aufnahme der Çukurcuma Caddesi, in der sich das Museum der Unschuld von Orhan Pamuk befindet. In der Ferne sieht man den Galata Turm.

In Galatasaray bekommst du in allen Bars Alkohol und das Leben ist sehr offen und frei.  Çukurcuma ist schon deutlich religiöser geprägt und daran schliesst mit Pothane ein streng religiöses Viertel an.  Dort gibt es nirgendwo ein Bier zu kaufen und es wird von den dort lebenden Bürgern auch genauestens darauf geachtet.

 

 

IMG_1344BAP//Istanbul (Berlin Art Projects, die in vielen Metropolen der Welt Galerien unterhalten)  hat in Pothane versucht, eine Galerie zu führen und dieses nach 2 Jahren wieder eingestellt. Die Bevölkerung war mit der Freizügigkeit einzelner Bilder nicht einverstanden und hat dies den Galeriebetreibern auch unmissverständlich klar gemacht.

 

IMG_1343Die Hand mit den vier Fingern und dem eingeklappten Daumen – das Symbol heisst Rabia oder auch R4bia – sieht man in Pothane (hier an der Tür eines Friseurs)  sehr oft. Die Rabia hat als Symbol für den Protest gegen den Militärputsch in Ägypten und die Tötung vieler Anhänger der Muslimbruderschaft Bedeutung erlangt und wird vermehrt auch außerhalb Ägyptens benutzt.

Die Frauenrechtlerin Serap Ciceli hat das ganz gut beschrieben:

Seit Wochen sieht man das Symbol einer Hand, die 4 Finger auf gelben Grund hervorstreckt: Die R4bia-Kampagne. Ein Sinnbild für die Solidarisierung mit Mursi und eine Kampfansage an das Militär in Ägypten. Das Landesamt für Verfassungsschutz (BaWü) ordnet die Anhänger der R4bia-Bewegung der Muslimbruderschaft zu.

„Sie arbeiten mit Verschwörungsbildern und wir schätzen sie als antizionistisch ein“, heißt es dort. Besonders laut die Werbetrommel rühren die islamistische Bewegung Milli Görüs, die vom Verfassungsschutz als antidemokratisch eingestuft wird, sowie die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD). Sie gilt als Lobby-Organisation der türkischen Regierungspartei AKP.

Auf der offiziellen Homepage der R4bia-Bewegung werden ihre Ziele aufgelistet. Unter anderem seien das: „der Kollaps der westlichen Werte“, die Vereinigung aller islamischen Nationen, das „Ende der Zionisten“, also des Staates Israel, und gleich mehrfach das „Märtyrertum“.

Am vergangenen Samstag sind über 4.000 Menschen dem Ruf der R4bia-Kampagne gefolgt und haben in Stuttgart gegen die Militärregierung in Ägypten protestiert. Am Rande der Demo wurden muslimische Studenten, die sich gegen die R4bia-Kampagne aussprachen, von den Ordnern angegriffen.

Erdogan ist ein Anhänger der R4bia-Bewegung und hat auf seinem Schreibtisch eine Skulptur der vierfingrigen Hand stehen.

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Eines dieser unheimlich schönen und nicht protzigen Häuser in Pothane – Beyoğlu mit vielen kleinen Details, die du erst auf den zweiten und dritten Blick entdeckst.

 

 

 

 

 

 

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Und dies die zugehörige Rückfront, an der du die Temperaturen im Hochsommer erahnen kannst.

 

 

 

 

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Und gegenüber diese Mauer, die einen Schulhof von der Strasse trennt. Wenn du keine Fliesen hast, malst du dir eben welche. Ich musste wirklich fast mit der Nase dran, um zu sehen, dass es keine echten Fliesen sind.

 

 

 

 

Und die Mauer ist lang!

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Şiir

Şiir heisst übersetzt Gedicht und dieses kleine Mädchen liest gerade ein solches. Das Sprühbild ist von einer Istanbuler Künstlerin, die damit auf die Aussage des türkischen Ministerpräsidenten: „Gedichte machen dumm!“ reagiert.

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